Zentren außerhalb der Zentren

Lokale Identitäten in der globalen Stadtregion 
"Alltagsrelevante Orte" im Ballungsraum Rhein-Main
von Thorsten Bürklin
und Michael Peterek
Wissenschaftliche Buchreihe. Stadt und Raum im globalen Kontext, Bd. 1
IKO Verlag, Frankfurt am Main/London
1. Auflage, 2006
191 Seiten, broschiert
mit zahlreichen Abb.
ISBN3-88939-817-0
Erklärungsversuch den Großraum Frankfurt in seiner Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert um Struktur und Expansion zu erweitern, womit ein Gebilde dokumentiert wird, das sich westlich von Mainz und Wiesbaden sternförmig in östlicher Richtung bis nach Aschaffenburg erstreckt. Wesentlicher Faktor ist die Mainlinie, die mehrere größere Städte in dieser Region um sich versammelt. An den Eckpunkten der sternförmigen Struktur befinden sich die alltagsrelevanten Orte. Das urbane System wird dann als eine „Stadt“ gesehen. Diese veränderte Lesart der Stadtregion als mehrschichtiges „Netz“ mit unterschiedlichen Knoten eröffnet neue Einsichten für ein Verständnis der regionalen Lebenswirklichkeit. In Zusammenarbeit mit dem IKO-Verlag (Verlag für interkulturelle Kommunikation) ist den Architekten Thorsten Bürklin und Michael Peterek eine hypothetisch begründete Studie gelungen. 
 
Die Ziele der Studie sind handlungsorientiert. Die Erkenntnisse sollen dazu dienen, der scheinbar ungezügelten städtischen Expansion und vielfach anzutreffender Ortlosigkeit wenigstens in Teilbereichen kompetent zu begegnen.  
 
Auf Grundlage der Studie soll ein Forschungsvorhaben entstehen, das am Fallbeispiel Rhein-Main Gebiet erprobte Methoden auf zwei bis drei weitere Agglomerationsräume ausweitet.
 
Bezeichnet wird die Region durch eine immer stärker werdende internationale Verflechtung mit gleichzeitiger Anonymisierung der Lebensräume in den verschiedenen Ländern und Kulturkreisen, wobei immer wieder dazwischen liegende Orte und Zonen mit einer historisch und soziokulturell bedingten Bedeutung auftreten. Es ist aber gerade die mobil und global agierende Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die auf eine lokale Integration ihrer Kulturkreise nicht verzichten kann. 
 
Die Veröffentlichung des Bandes von Thorsten Bürklin und Michael Peterek wurde mit Mitteln der Fachhochschule Frankfurt finanziert. Der Druck wurde durch den Planungsverband Ballungsraum Frankfurt ermöglicht. Erschienen ist der Band in der Wissenschaftlichen Buchreihe „Stadt und Raum im globalen Kontext“ / Band 1 – herausgegeben von Thorsten Bürklin, Kosta Mathey und Michael Peterek. Die Ausgabe ist mit zahlreichen Schwarzweißfotos bebildert und stellt anhand zahlreicher Struktur- und Lagepläne den Bezug zur Hypothese der Autoren her. Hier ist eine Studie gelungen, um den Ballungsraum Rhein-Main in seinen räumlichen, funktionalen und organisatorischen Zusammenhängen zu beschreiben. Auffällig ist der Konflikt zwischen einer historisch gewachsenen Lokalität und den Zentren, die aufgrund internationaler Verflechtung durch Expansion nach außen hin entstehen mußten. 
 
Zentren außerhalb der Zentren dokumentiert ein Gebilde, das sich, ausgehend vom Rhein-Main-Gebiet, sternförmig bis nach Aschaffenburg erstreckt. Wesentlicher Faktor ist dabei die Mainlinie, die mehrere größere Städte um sich versammelt. An den Eckpunkten der sternförmigen Struktur befinden sich Zentren. Diese sind soweit erschlossen. Beispielsweise bei Rodgau aber fehlt ein solcher künstlich geschaffener Mittelpunkt, um eine geschlossenes Strukturbild zur Hypothese zu erhalten. Warum das so ist, dafür gibt es im Moment keine Erklärung. Allerdings ist es schwierig die alten Stadtgrenzen aufzubrechen, was durchaus einen Sinn haben kann. Die Zähigkeit dieser Vorgänge bereitet den Bauplanern und Entwicklern Kopfzerbrechen, ist aber andererseits ein großes Glück, wenn es darum geht gewachsene Strukturen zu erhalten.
 
Dieser Ballungsraum wird in der vorliegenden Untersuchung als ein urbanes System, als eine „Stadt“ gesehen. Diese veränderte Lesart der Stadtregion als mehrschichtiges „Netz“ mit unterschiedlichen Knoten eröffnet neue Einsichten für ein Verständnis der regionalen Lebenswirklichkeit. Dabei werden neue Wohngebiete im Ballungsraum meist an die historischen Orte angelagert, finden sich dazwischen zunehmend alltagsrelevante Standorte für Arbeit, Versorgung und Freizeit. Sie sind insbesondere durch die Erreichbarkeit mit dem Auto bestimmt. Die von den Verfassern entwickelte Typologie der Stätten des Konsums umfaßt die Shopping Malls am Autobahnkreuz, die Versuche den Einzelhandel auf der grünen Wiese anzusiedeln und die neuen Stadtzentren. 
 
Ein besonders frühes Beispiel für eine Shopping Mall nach amerikanischem Vorbild ist das Main-Taunus-Zentrum, das bereits 1964 wie eine Saloon-Stadt konzipiert, auf der rechts und links der Straße lauter Läden aneinandergereiht stehen und zum Einkauf einladen. Diese Inseln des Kapitalismus dienten zuerst ausschließlich dem Konsum. Zumeist ist es nur möglich mit dem Auto dorthin zu gelangen, weil die Mall außerhalb des Stadtzentrums errichtet wurde. Mittlerweile hat das Main-Taunus-Zentrum zunehmend eine eigene urbane Identität erlangt, indem sich eine Infrastruktur entwickelt, die immer mehr einer Wohnstadt ähnelt.
 
Hieraus ergeben sich mehrere Fragestellungen:
 
Wie kann einem weiteren Funktions- und Bedeutungsverlust der Innenstädte, Stadt- und Stadtteil- und Ortszentren entgegen gewirkt werden?
Wie erfolgsversprechend kann die öffentliche Hand sein, bei dem Versuch der Städtebauförderung und der Aufwertung des öffentlichen Raums und örtlicher Einzelhändler einen Ort des Konsums außerhalb der städtebaulich integrierten Lagen einzurichten?
 
Wie steht es mit der Erreichbarkeit dieser Standorte?
Wie kann der Zugang aller Bevölkerungsteile an Konsummöglichkeiten gesichert werden?
 
Stephan Wildhirt betont in seinem Vorwort zum vorliegenden Band, daß eine nachhaltige Entwicklung der Stadtregion den Anforderungen der globalisierten Ökonomie und Standortkonkurrenz zu entsprechen hat. Globale Stadtregionen sind komplexe metropolitane Gebilde, deren Entwicklung aus einer engen Verflechtung mit lokalen und globalen Entwicklungen in Ökonomie und Politik entsteht. Was die „alte“ Stadt noch durch eine reiche Nutzungsvielfalt auf engstem Raum leistete, verteilt sich nunmehr weitläufig und auseinander. Dabei bilden sich jenseits der Kernstädte neue Knotenpunkte des Alltagslebens.  
 
Bislang hat sich die Forschung vor allem mit den physischen, sozialen und ökonomischen Erscheinungen der „globalen Stadt“ befaßt. Hier setzt die Studie an, die im Jahr 2004 am Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der FH Frankfurt am Main entstand. Sie geht von der Hypothese aus, daß sich in den neuen „Zentren außerhalb der Zentren“ bedeutende Aktivitäten des öffentlichen Lebens herausbilden, die hier als „alltagsrelevante Orte“ bezeichnet werden. Gleichzeitig entsteht die Diskussion der „Zwischenstadt“. Alltagsrelevante Orte können „globaler“ als auch „lokaler“ Prägung sein. Diese Orte können konkrete Raumsituationen von hoher Intensität in sozialer wie gestalterischer Hinsicht abgeben. 
 
 
Die Arbeit ist in inhaltlich in drei Teile gegliedert:
 
 
I. Wissenschaftlicher Kontext
 
Der erste Abschnitt  bildet den wissenschaftlichen Hintergrund der Studie. Es geht um die Erscheinungsformen der Verstädterung. Unterschiedliche Studien vermitteln das Phänomen der „globalen Stadt“ und der zunehmenden stadtregionalen Verflechtungen. 
 
1.Von der Stadt zur Stadtregion
2.Theorien zur globalen Stadtregion
 
 
II. Die Stadtregion Rhein-Main. Entwicklung, Raumstruktur, Nutzungsweisen
 
Im zweiten Teil geht es in bezug auf die Gesamtregion um ein Grundverständnis der Wachstumsmuster und der Entwicklungsmechanismen der Rhein-Main Region. Dabei werden Struktur und Themenkarten entwickelt und durch Fotos und Texte ergänzt.
 
 
1.Großräumige Lage und Abgrenzung der Region  Rhein-Main
2.Rhein-Main als "eine" Stadt(region)
3.Kommunale Identitäten
4.Historische Entwicklung und Flächenwachstum
5.Topographie und Naturraum
6. Siedlungsraum und Kulturlandschaft
7. Agglomerisationstrukturen
8.Urbanes Zentrensystem
9.Mobilität in der Stadtregion
10. Freiraum-Netze
11.Konsumieren in der Stadtregion
12. Dienstleistungsstandorte und Business Parks
13. Großinfrastrukturen für Sport und Events
 
 
III. Zentren außerhalb der Zentren. Fallstudien zu „alltagsrelevanten Orten“ regionaler Ausstrahlungskraft
 
Im dritten Teil werden anhand von detaillierten Einzelstudien fünf alltagsrelevante Orte ausgesucht und deren Nutzung analysiert. Die Shopping Mall des Main-Taunus-Zentrums, der großflächige Einzelhandelsschwerpunkt in Dreieich-Sprendlingen, die „Neue Stadtmitte“ in Schwalbach am Taunus, die „alte Stadt“ Dreieichenhain und das Freizeitareal der Dietesheimer Steinbrüche stehen dabei ganz exemplarisch für ganz unterschiedliche Typen von neuen „Zentren“. 
 
 
1.Zur Untersuchungsmethodik
2.Die Shop-Polis. Main-Taunus-Zentrum
3.Sprawl City. Kommerzielle Mitte in Dreieich-Sprendlingen
4.Die vergessene Stadt "Neue Stadtmitte" Schwalbach am Taunus
5.Die alte Stadt. Dreieichenhain
6.Jenseits der Stadt. Dietesheimer Steinbrüche
 
 
Daraus ergeben sich grundlegende Fragestellungen:
 
1.Welche sind die alltagsrelevanten Orte der erweiterten Stadtregion?
2.Wo befinden sie sich und wie werden sie genutzt?
3.Inwiefern unterscheiden sie sich?
4.Welche Typologien lassen sich unterscheiden? Gibt es eine Differenzierung von Orten eher „globaler“ und eher „lokaler“ Ausprägung?
 
 
Eine andere Arbeit zum Thema Shopping Mall ist die von Ellen Bareis. Ihr Vortrag "Shopping Mall und Quartier. Alltägliches Leben, soziale Kämpfe und Konsum im postfordistischen Städtischen" wird wie ähnliche Vorträge beim Deutschen Werkbund immer wieder thematisiert. So steht Bürklins und Petereks Buch im unmittelbaren Kontext zum Vortrag von Ellen Bareis, der am 9. März 2007 beim Werkbund gehalten wurde. Ihre Untersuchung versucht das Mercado-Einkaufszentrum in Hamburg Altona, das über einem ehemaligen jüdischen Friedhof gebaut wurde mit der Gropiusstadt in Berlin zu vergleichen. Darin wird das Recht auf die Stadt und das Teilnahmerecht einer globalen Bevölkerung ausdrücklich betont. Darin werden Themen wie Raumerwartung und über das Symbolische behandelt. Sie plädiert für ein integriertes Modell, insofern sie Kundenparlamente aufzeigt. Das erinnert an die Vorstellung, daß Einkaufszentren immer mehr die Eigenschaften von Ortschaften annehmen. Sie fordert demgemäß planungsrechtliche Änderungen, weil sonst städtebauliche Schäden überhand nehmen. Wobei Shopping Malls in ihrer Architektur zeitlich begrenzt maximal auf 30 Jahre angelegt sind und dann wieder verschwinden oder erneuert werden. Sie erwähnt außerdem die Verkehrsströme, die durch Wohngebiete gesteuert werden, um die Einkaufszentren außerhalb versorgen zu können. Das bedeutet, die Expansion der Städte belastet die Regionen zusätzlich.
 
Last modified on Dienstag, 04 August 2015 18:30
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