Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939

Bleiben wir sachlich!
Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939 im Spiegel der Fachzeitschriften
Autor: Dieter Schnell
gebunden, 319 Seiten
Schwabe AG Verlag Basel 2005
ISBN 3-7965-2018-9

Ein Sachbuch von Dieter Schnell erschienen im

Basler Schwabe Verlag                  Buchrezension vom 07. April 2006

 
 
Bleiben wir sachlich! heißt lapidar ein Buch von Dieter Schnell, erschienen im Basler Schwabe Verlag. Ein Unterfangen eigener Art, bestehen doch weithin Wechselbeziehungen zwischen Architektur und Diskursen, die oftmals in literarischer Form erst zum Ausdruck bringen was Sache ist. Es stehen sich eben nicht nur zwei Wände gegenüber und ein Dach ist oben auf, sondern ein Suchen und Verwerfen der Gegenwart ist gefragt. Insbesondere die Schweizer Architektur in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen erfüllt diesen Anspruch in besonderem Maße. Die Zwischenkriegszeit ist deshalb zum Gegenstand zahlreicher Untersuchungen geworden. Längst haben Denkmalforscher diese Gebäude entdeckt. Das Selbstverständnis aber gehörte bisher ausschließlich einer vorantreibenden Avantgarde. Architekturgeschichte der Schweiz in der Zwischenkriegszeit seit den 1970er Jahren will einer Vereinnahmung durch die tradierte Blickrichtung in der Avantgarde entgehen.

Interessant ist an dieser Stelle der Vergleich mit einem Buch ebenfalls in einem Schweizer Verlag bei Birkhäuser schon 1994 erschienen. Ein Buch, das ganz andere Absichten verfolgt. Der Unterschied zeigt sich in der Herangehensweise: Adolf  Behne. Architekturkritik in der Zeit und über die Zeit hinaus. Texte 1913-1946, herausgegeben von Haila Ochs, ist vielmehr an tradierten Vorstellungen der klassischen Avantgarde orientiert. Der Band steht im Zeichen auch nur eines Autoren, Adolf Behne, ein anerkannter Architekturkritiker seiner Zeit. Bezieht sich darin hauptsächlich auf deutsche Architekturgeschichte. Es handelt sich dann um eine Zusammenstellung seiner Texte, die kaum kommentiert werden, sondern im zeitlichen Kontext zueinander stehen. Beginnend mit den Jahren vor dem ersten Weltkrieg bis 1932, läßt dann eine Zeitlücke und setzt zum Abschluß erst wieder 1945 ein mit "Freiheit der Kunst".

In "Bleiben wir sachlich!" von Dieter Schnell ist die gewählte Vorgehensweise für die Analyse des Architekturdiskurses nahezu analog zu Achim Landwehrs im Jahre 2001 vorgeschlagener Methode der historischen Diskursanalyse zu betrachten. Zunächst wurde ein Textkorpus gebildet. Die Kontextanalyse ist auf die verschiedenen Diskursakteure hin fokussiert. Die eigentliche Studie der Diskursanalyse teilt sich in zwei Teile, die der „Denkgewohnheiten“ und eine chronologische  Darstellung  der  Argumentation.  Der  Begriff „Denkgewohnheiten“ beschreibt Vorstellungen und Werthaltungen, die eine gewisse Gültigkeit behalten. Im ersten Teil geht es darum, die Konstanten des Architekturdiskurses  aufzuzeigen,  damit  im  zweiten Teil die Argumente dafür besser eingeordnet und gewichtet werden können. Der zweite und umfang- reichste Teil gibt einen chronologischen Abriß des Architekturdiskurses. Hier kulminieren alle bisher beschriebenen Vorarbeiten und Vorstudien. Eine Gliederung in fünf Kapitel erfolgt, wie die Überschriften andeuten, nach inhaltlichen Kriterien.

Diese Arbeit kann nicht als Geschichte der Schweizer Architekturgeschichte in der Zwischenkriegszeit ver- standen werden, sondern es geht um den Diskurs in der Architektur. Das Interesse gilt den allgemeinen archi- tekturtheoretischen  Aussagen.  Die  Auswahl  bezieht sich hierbei stärker auf die in deutscher Sprache ge- schriebenen Zeitschriften in der Schweiz. In seiner Themenauswahl geht die Untersuchung über die Region hinaus.
 
Die Kontextanalysen orientieren sich an einzelnen Diskursakteuren, wie Dieter Schnell etwas akademisch formuliert. Es handelt sich um die untersuchten Zeitschriften, um Institutionen sowie um einzelne Autoren. Zur Verfügung stand der umfangreiche Archivbestand der ETH-Zürich unter Mithilfe von Daniel Weiss. Bei der Untersuchung des Schweize- rischen Werkbundes konnte sich der Autor auf  eine von Bruno Maurer zusammengetragene Sammlung von kopierten Protokollen beziehen. Zu den bekanntesten Zeitschriften zählt die „Schweizerische Bauzeitung“ gegründet 1883 und Institutionen wie der „Schweizer- ische Werkbund“ gegründet 1913.  Autoren wären zu nennen Hans Bernoulli (1876-1959), Alexander von Senger (1880-1968), Sigfried Giedon (1888-1968), Paul Ataria (1892-1959), Hans Schmidt (1893-1972), Peter Meyer (1894-1984) und Joseph Bieler (1906-1972).

Diese Arbeit befaßt sich insbesondere mit der Suche nach einem Ausweg aus Historismus und sogenanntem Heimatstil sowie praktischen Lösungsansätzen für die akute Wohnungsnot der finanzschwachen Bevölkerung. Die kontextuellen Argumente der fünf Kapitel im Einzelnen lauten: Suche nach dem Stil der Zeit, Episode des systematischen Kleinwohnungsbaus, Das Neue Bauen. Befürworter und Gegner, auf der Suche nach neuen Themen und nach Bauaufträgen, vom Neuen Bauen zur neuen Baukunst. Im Anschluß folgt eine Zusammenfassung der fünf aufgeführten Themen zu einem größeren Kapitel.

Der Begriff „Neues Bauen“ taucht im vorliegenden Band immer wieder als feste Begriffseinheit auf. Der Begriff selbst entstand zuerst 1914 und fällt mit seiner Entstehungszeit eigentlich aus dem Zeitraum heraus mit dem sich der Band hier befassen will. Seine genaue Definition was die Schweizer Fachzeitschriften angeht, findet sich jedoch erst ab 1927 mit der Ausstellung am Weissenhof und der zugehörigen Baureform im Wohnungsbau wieder. Einer der nachfolgenden Ab- schnitte befaßt sich auch mit der Entwicklung der Architektur nach Hitlers Machtergreifung in Deutsch- land. Ein Prozeß der in der Schweiz fast nur von Peter Meyer genau beobachtet, interpretiert und in zahlrei- chen Texten kritisch kommentiert wurde. Auf Meyers publizistische Tätigkeit wird im Schlußteil Bezug genommen.

Im Anhang werden erwähnte Zeitschriften und Institu- tionen sowie einzelne Autoren nacheinander sorgfältig aufgelistet. Dies geschieht nach einem Schema wie aus Publikationen der Reihe Sammlung-Metzler bekannt. Ein Inhaltsverzeichnis weist auf die erwähnte Zeit- schrift, ein historischer Überblick mit eigenem Ab- schnitt zu den Inhalten der Zeitschrift folgt. Über- schriften werden zur Übersichtlichkeit durchgängig fettgedruckt und in zahlreiche Unterüberschriften unterteilt.

Ein Verzeichnis der einzelnen Architektur-besprechun- gen und benutzte Literatur runden die Studie ab. Der vorliegende Band „Bleiben wir sachlich!“ umfaßt 320 Seiten, ist außer mit einigen Schwarzweißabbildungen eher sparsam bebildert. Das Buch eignet sich haupt- sächlich für Studien-zwecke, ist aber auch als Nachschlagewerk einsetzbar. Wenn der Anspruch einer Architekturtheorie auch nicht ausdrücklich hervorge- hoben wird, lassen sich die zur Schweizer Zwischenkriegszeit gehörenden Theorien aus dem Inhalt durchaus erschließen.

Die  vorliegende  Arbeit  entstand  im  Rahmen  eines Nationalfonds-Forschungsprojekts in den Jahren 1998-2000. Das Thema selbst entstand aus der Unterrichts- tätigkeit, die Dieter Schnell zur Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH-Zürich inne hatte. Im Herbst 2002 wurde die Arbeit zudem als Habilitations- schrift an der Universität Bern eingereicht, wobei Dieter Schnell mit der Unterstützung von Oskar Bätschmann rechnen konnte. Bätschmann ist bekannt durch ein Buch, das sich mit kunstgeschichtlicher Hermeneutik auseinandersetzt. Ein erkenntnistheoreti- sches Verfahren aus Philosophie und Literatur-wissen- schaft wurde von Bätschmann auf die Belange der Bildsprache  übertragen.  

 

Last modified on Mittwoch, 16 Mai 2018 14:12
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