Frühmoderne Architektur aus der Fabrik

Frühmoderne Architektur aus der Fabrik
Die Holzbau AG Lungern 1925–1935
Autor: Frank Bürgi
Schwabe Verlag, Basel
1. Auflage 2015
gebunden, 188 Seiten
161 Abbildungen, davon 13 in Farbe
Größe: 17,4 x 25,4 x 2 cm
ISBN 978-3-7965-3428-7

Frank Bürgi untersucht die Elementbauten der Holzbau AG Lungern, die von 1925 bis 1935 errichtet wurden. Es war bekannt, dass die Firma moderne Holzbauten mit eigenem Bausystem vorfabriziert und vielerorts errichtet hat. Was bisher unbekannt war, ist die genaue Konstruktionsweise des patentierten Systems. Über die Verbreitung und Anzahl der Holzhäuser aus Lungern gab es kaum genaue Daten. Auch die architektonisch-formale Entwicklung blieb weitestgehend unbekannt. Die vorliegende Studie versucht gleich mehrere dieser Forschungslücken zu schließen. Begleitet wird die Publikation neben Planmaterial durch zahlreiche Abb. zeitgenössischer s/w Fotografien und den Prospekten des Unternehmens.

 

Alles begann mit der Entdeckung einer alten Firmenbroschüre. Die Sichtung der Firmennachlässe brachte die aufschlussreiche Erkenntnis, dass diese Archivunterlagen nicht nur regionale Bedeutung haben. Im Zentrum der Untersuchungen steht ein Holzbauunternehmen aus dem Schweizer Kanton Oberwalden. Die Arbeit nimmt für sich in Anspruch, erstmals anhand eines Unternehmens der Entstehung architektonischer Moderne in der Schweiz in den frühen 1930er Jahren empirisch auf den Grund zu gehen.

 

Außerdem wird gesagt, der Einzug der Moderne soll nicht über eine Architekturmonographie oder über ein bestimmtes geografisches Gebiet beschrieben werden. Das Archiv der Holzbau AG Lungern bot eine Gelegenheit anhand der Produktpalette die moderne Elementbauweise aufzuzeigen.

 

Hintergrund der Arbeit ist, dass seit geraumer Zeit viele Gebäude aus den 1920er und 1930er Jahren im besonderen Interesse des Schweizer Denkmalschutzes stehen. Zu Beginn der 1930er Jahre erlebte der Bau von Wohn- und Ferienhäusern in Holz in der Schweiz einen Aufschwung. Das Holzhaus bietet alles was wir brauchen, erklärte die Holzbau AG Lungern im Jahre 1934. Der moderne Architekt erhebt nicht mehr den Anspruch für die Ewigkeit zu bauen, meinte Peter Meyer in: Moderne Architektur und Tradition, aus dem Jahre 1927. 

 

Die neue Publikation spricht nicht nur Architekten und Kunsthistoriker an, sondern sie wendet sich zugleich an Personen der Holzbaubranche sowie an Technikinteressierte. Dieses Firmenbeispiel legt nahe, wie industrielle Produktion den Vorsatz der architektonischen Moderne mit sich bringt. Das zeigt mitunter den Innovationswert, den Messen und Kongresse mit einer produktorientierten Verkaufsstrategie haben.

 

Ein Blick ins Sachregister und dort ins Ortsverzeichnis verrät, wo und wie weit die Holzbau AG überall Verbreitung fand. Das Ortregister füllt mehrere Seiten. Ebenso weiterführend ist das Namensregister. Paul Bonatz,  Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Peter Zumthor, Hans Scharoun, Bruno Taut, Frank Lloyd Wright, Adolf Loos, Le Corbusier, Friedrich Weinbrenner tauchen neben den vielen anderen und eidgenössischen Baumeistern auf. 

 

Inhaltlich wird nach der Einleitung ein Grundlagenkurs geboten, was so viel wie ein Überblick auf die Firmengeschichte der Holzbau AG Lungern ist. Die Erschließung des Archivs wird als Voraussetzung für die gesamte vorliegende Arbeit betrachtet. Die Wiedergabe des aktuellen Forschungsstandes ist üblich in wissenschaftlichen Arbeiten und wichtig, um zu wissen woran man ist mit der Arbeit. Hervorgehoben wird die Bedeutung des Holzhausbaus der frühen Moderne. Stellt sich die Frage für den Unkundigen, was ist mit frühe Moderne gemeint?

 

Geprägt wurden die Bezeichnungen erste und zweite Holzbaumoderne durch den Architekturhistoriker Christof Kübler in einem 1996 publizierten Artikel in der NZZ. Genannt in diesem Zusammenhang sind auch Neue Sachlichkeit und Neue Einfachheit, wobei der erstere von beiden vielleicht am gebräuchlichsten zu verstehen ist. Dabei kam es vor, so im Text weiter, dass aufgrund eines überragenden Dachrandes die Aufnahme in den Congrès Internationaux d'Architecture Moderne (CIAM) verweigert wurde. Kragränder an Dächern gehören schlechthin einer traditionellen Bauweise an. Die erste Holzbaumoderne ist dann ein spezifisch schweizerisches Phänomen, heißt es. Während der Erläuterungen werden auch Unterschiede zur Bauweise in Deutschland und Österreich erkannt und Vergleichsgruppierungen wie Deutscher Werkbund zitiert, der eine ähnliche Ausrichtung in Bezug auf das Handwerk innehatte wie der Schweizerische. Das ist und bleibt insgesamt sehr aufschlussreich. Was daran anschließt, ist ein Abriss über die Architekturgeschichte der schweizerischen Holzbauten seit dem 19. Jahrhundert, untermalt mit grafischen und fotografischen Abbildungen. Die abgebildeten historischen Pläne demonstrieren frühe Beispiele dieser Bauweise. Schließlich führt die Beschreibung zur patentierten Bauart Lungern. Vom Neuanfang 1926 ist die Rede und der Ablösung von altem und neuem Bauen. Wobei zahlreiche Firmen der Schweiz zur gleichen Zeit Holzhäuser in Fertigbauweise anboten und Lungern keineswegs ein Einzelfall ist.

 

 

Last modified on Montag, 16 Mai 2016 17:21
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