Explorations In Architecture

EXPLORATIONS IN ARCHITECTURE:
Teaching, Design, Research
Verlegt vom Swiss Federal Office of Culture, Bern, Urs Staub
Hrsg. Reto Geiser
Broschiert 216 Seiten
Größe: 32,4 x 21,6 cm,
über 370 farbige Illustrationen
Birkhäuser Verlag für Architektur
Basel/Boston/Berlin
English Edition
ISBN 978-3-7643-8921

 

Die Übersetzungen in deutscher Sprache der folgenden Autoren liegen im pdf-Format vor: Angelus EisingerReto Geiser ; Sanford Kwinter ; Georges Teyssot ; Rolf Pfeifer ; Bruno Latour

 

Architektur im Widerstreit zwischen Kunst und Wissenschaft behält sich zusehends alle Optionen offen auch methodisch. Die in den Anfängen der Moderne angestrebte Strenge klar umrissener, auf das Bauen und Planen gerichteter Forschungsfragen, die in Objektivität und Optimierung münden sollte, verschiebt sich damit auf Erkenntnisse mit nur begrenzter Reichweite. Diese Einsichten akkumulieren allerdings nicht zu einem kontinuierlich wachsenden Wissensbestand, der durch die Wissenschaften geordnet und entwickelt wurde, sondern verfügt über kurze Halbwertszeiten, wie Angelus Eisinger in seiner Einführung vormerkt. Dadurch erinnern die Ergebnisse aktueller architektonischer Forschung an Interpretationsangebote, deren Aussagekraft rein über die Rezeption gesteuert ist.

 

"Explorations in architecture" liefert detaillierte Einblicke in ein forschungsbedingtes Umfeld. Das Buch will mehr sein als nur beschreibend, dabei sollen neue Denkansätze bei der Vermittlungsarbeit zur Anwendung kommen. Was der Band beschreibt, hat nicht mehr viel mit einem herkömmlichem Unterrichtsablauf zu tun. Interdisziplinär geht es zu, um verstärkt zu wissenschaftlich-technischen Resultaten zu gelangen.

 

Die technikorientierte Sicht kommt auch bei der Bebilderung zur Geltung, die bisweilen wie bei einer Panoramasicht rundum folgt. Weil es sich aber nicht um ein Raumfahrtprogramm handelt, das quasi im luftleeren Raum oder Vakuum stattfindet, scheint mir der Begriff Umfeld passender zu sein für die Vorgänge, die auf diese Weise eine neue Bedeutung bekommen.

 

Bemerkenswert ist die Aufmachung des Bandes, der Bucheinband hat eine perforierte Oberfläche, die abwaschbar ist. Verbunden mit einem auffaltbaren Klappentext, auf diesem aufgedruckt befindet sich das Inhaltsverzeichnis. Genau wie auf dem rückseitigen Klappentext das Stichwortverzeichnis zu finden ist. Das ist insgesamt recht angenehm in der Handhabung. Das Papier der Buchseiten der Marke Munken Print ist leicht rauh, weshalb die abgedruckten Abbildungen mit Fotografien von Moris Mezulis nicht hochglänzend wirken. Zwischendrin finden sich jedoch einige Fotoreproduktionen auch auf glänzendem Papier, so daß eine Qualität der Abbildungen nicht gemindert ist.

 

Das Buch von Reto Geiser setzt sich aus vier elementaren Teilen zusammen, die innerhalb einer Gliederung das gesamte Buch durchlaufen und durch zusätzliche Beiträge ergänzt werden: Die elementaren Bauteile des Buches lauten: A Methodology; B Networks; C Didactics; D Technology.

 

Mehrere Essays erstellt von Stadtplanern, Technologiesoziologen, Architekturtheoretikern geben dem neuen Umfeld einen erweiterten Sinn. Im ersten Teil der Erkundungen in Explorations findet sich mit: "Stop Making Sense" ein Beitrag von Angelus Eisinger.

In Anlehnung an Latours Vorstellungen will Eisinger die Architektur hier als Sequenz von Übersetzungs- und Rückübersetzungsprozessen von Gesellschaft in Architektur und Architektur in Gesellschaft verstanden wissen. Design Research der Architektur steht somit in unmittelbarer Beziehung zur Gesellschaft.

 

Arbeiten von vier Entwurfsstudios an den Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Lausanne und Zürich sollen vorgestellt werden. Jede dieser Einheiten verkörpert ein eigenständiges Verständnis von Forschung in der Architektur. Damit werden unterschiedliche Schwerpunktsetzungen, Perspektiven und Motivationen ersichtlich, die für jedes Studio kurz umrissen seien.

 

Das LAPA von Harry Gugger in Lausanne beschäftigt sich anhand konkreter städtischer Situationen wie einem Stadtteil von Havanna mit den Determinanten und Optionen des architektonischen Arbeitens. Dabei bezieht es alle Maßstabsebenen ein – vom Baufeld einer punktuellen Intervention bis hin zur Reflexion der gesamten Stadt. Gleichzeitig vereint das Labor alle Phasen architektonischen Arbeitens von der Erarbeitung eines umfassenden Verständnisses urbaner Alltage bis zum Entwurf und seiner hypothetischen baulichen Umsetzung. Forschung besteht also in der Integration der systematisch erworbenen Kenntnisse in der  Entwurfsarbeit und deren bauliche Konkretisierung. 
 
Das Labor ALICE der Gruppe um Dieter Dietz situiert sich im Feld der Interaktionen zwischen digitalen und analogen Manifestationen des architektonischen Entwurfs. Die Gruppe fokussiert dabei auf das Moment des Lernens als Konsequenz des Machens. Die wiederholte Konfrontation der so generierten Modelle mit alternativen Raumverständnissen erweitert über die Zeit die architektonische Expressivität und konfrontiert sie gleichzeitig mit ihrem Kontext. 
Das MAS Urban Transformation in Developing Territories unter der Leitung von Marc Angélil setzte sich in den vergangenen Jahren verschiedentlich mit dem urbanen Alltag von Addis Abeba auseinander. Ausgehend von einem heuristischen Verständnis von Städtebau als „forms of negotiation“ legt es in mehreren Iterationen die lokalen Produktionsprozesse urbaner Raumwirklichkeiten frei. So entsteht einerseits ein Fundament für entwerferische Interventionen, die über die notwendige Sensibilität für die Andersartigkeit dieser Realität verfügen. Andererseits verdichten sich die vor Ort gemachten Einsichten zu einem Verständnis für kontextuelle Bedingtheiten von Planung, die eine Reichweite weit über den konkreten Untersuchungsort hinaus besitzen. 

 

Das Studio von Fabio Gramazio und Matthias Kohler schließlich untersucht mit seinen Manipulationen von Robotern das Verhältnis zwischen digitalen Technologien, Architektur und Produktion. Dadurch entstehen Entwürfe, die sich nicht mehr mit traditionellen Fertigungsweisen umsetzen lassen, sondern nur mehr von entsprechend programmierten Robotern gebaut werden können. So verkürzt der Computer die Distanz zwischen Entwurf und Bauen und verankert dadurch Technik und Produktion im unmittelbaren Einflussbereich des Architekten.

 

Themen zur Methodologie behandelt Sanford Kwinter in: "A Discours on Method (for the proper conduct of reason and the search of efficacity in Design)".  Der Beitrag geht von der Annahme aus, das Leben in einer Art Code gespeichert ist. Hierfür wurde zuerst der Begriff der "negativen Entropie" eingesetzt, das noch bevor die Helixstruktur der DNA durch Röntgenkristallographie entschlüsselt oder entdeckt worden war.

 

Zu den Netzwerktheoretikern zählen der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour und die Architektursoziologin Albena Yaneva mit dem Essay "An Ant's view of architecture". Darin stellt sich das Problem, wie mit einem Gebäude, das üblicherweise statischer Natur ist, etwas wie Bewegung und Transformation hergestellt werden kann. Eine serielle Fotoreihe dient als Beispiel, in der einzelne Bewegungsschritte eines sich linear vorwärts bewegenden Objektes wie etwa beim Vogelflug dargestellt sind. Das wird hier als der "euklidische Raum" bezeichnet, der entweder subjektiv, humanisiert oder wissensbedingt ist und den Gegenstand umgibt. Serielle Ereignisse lassen sich genauso auf Gebäude übertragen. Schließlich wird eine Differenzierung bei der Wortwahl vorgenommen, wenn Bilderserien durch den euklidischen Raum "rollen" oder "gehen". Die Autoren weisen darauf hin, daß mit jeder Neuentwicklung der Architekturzeichnung, das können neue Rendering Methoden bei CAD Programmen sein, auch neue Problematiken entstehen. Zum Beispiel bei der Umsetzung von der Zeichnung in ein dreidimensionales Modell kann dies der Fall sein. Wobei die Multidimensionalität der Objekte immer mehr in den Vordergrund gelangt bei der Entwicklung. Durch den "context" in dem es steht, was ein ökologischer Zusammenhang sein kann, entsteht erst das fließende oder transformierte Gebäude, das für sich gesehen statisch bleibt. "Ant" bedeutet soviel wie Actor-Network-Theorie.

 

Themen zu Didactics beschreiben Daniel Bisig und Rolf Pfeifer im Beitrag: "Understanding by Design: The Syntetique approach to Intelligence". Daraus geht hervor, daß Ergebnisse nicht mit einem aktuellen Wissensstand enden, sondern durch Phänomene geprägt sind, die auftauchen und das Bild verändern und vorantreiben. Es geht um künstliche Intelligenz und darin um die Artefaktforschung, das heißt es geht um die Funktionsfähigkeit der Einzelteile beispielsweise eines Roboters, die immer noch Zeichen hoher Anfälligkeit mit sich tragen, weshalb die Untersuchung künstlicher Intelligenzen ein junges und stets umstrittenes Forschungsgebiet geblieben ist.

Zu Technology findet sich ein Essay von Georges Teyssot wie "Architecture as membrane" konfrontiert gleich mit zwei Hypothesen, indem "organloser Köper" der nicht auf der Singularität seiner Autonomie beruht und "Organismus" sich gegenübergestellt werden. Daraus resultieren zahlreiche Reflexionen, die ein ganzes Bataillon an Namen und Werken aus der Primär- als auch Sekundärliteratur heranziehen. So entstehen zwei unterschiedliche und doch zusammenhängende Hypothesen zur Fragmentierung des Körpers.

Eine dritte Gruppe nach Gliederung und Essay sind einzelne Fallstudien, Historical Case Studies. Dieser Teil besteht aus zwölf Beiträgen unterschiedlichster Art und Autoren. Deane Simpson befaßt sich mit Rem Kohlhaas. Der genaue Untertitel lautet: "Performative Modernities: Rem Kohlhaas's delirious New York as inductive research", eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1978, die sich auf die späten 1970er Jahre bezieht als historische Untersuchungen in Bezug auf Architektur verstärkt aufkamen.

Das nächste Beispiel von Kim Förster hat die Bezeichnung: Alternative Educational Programs in Architecture: The Institute for Architecture and Urban Studies.

 

Methodologische Fallstudien wie der zweiseitige Beitrag: The Invention of the Urban research Studio: Robert Venturi, Denise Scott Brown and Steven Izemour's Learning from Las Vegas, 1972. Autor ist Martino Stierli.

 

Harry Gugger und Carolin Stapenhorst gehören zum zuvor erwähnten LAPA (Laborataire de la production d'architecture) und nennen ihren Beitrag: From City to Detail: The Sphere of the Architect und müssen erkennen, die Sphäre des Architekten ist eingeschränkt, deshalb hat LAPA versucht eine Methodik zu entwickeln, die Studenten erlaubt, interdisziplinär zu forschen.

 

www.explorationsinarchitecture.ch

Last modified on Dienstag, 04 August 2015 21:12
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