Imaginäre Architekturen

Imaginäre Architekturen - Raum und Stadt als Vorstellung

Hrsg. Annette Geiger, Stefanie Hennecke und Christin Kempf

Dietrich Reimer Verlag,

1. Auflage, Berlin 2006

271 Seiten, broschiert,

Größe: 17 x 24 cm

ISBN 3-496-01345-1

Der vorliegende Band umfaßt Beiträge des interdisziplinären Kolloquiums „Imaginäre Architekturen – Raum und Stadt als Vorstellung in Kunst und Gestaltung“, das im November 2004 an der Universität der Künste in Berlin (UdK) stattfand. Architekturen leben auch als Bilder und Zitate, als Erzählungen und Filme in den Vorstellungen des Betrachters weiter. Es heißt dazu, bewußte wie unbewußte Fiktionen prägen dabei die Wahrnehmung des Menschen so grundlegend, daß sie auch Einfluß auf das real zu Bauende haben. Der vorliegende Band will diesen Wechselwirkungen zwischen Imagination, Entwurf und Realisierung nachgehen. Imaginäre Architektur betrifft nicht nur Utopien, jede Form der Stadt- und Raumgestaltung geht letztlich auf einen fiktiven Anteil zurück. Was auf den ersten Blick als ökonomische und funktionale Form erscheinen mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Projektionsfläche für Imagination.

Es fällt auf, daß nicht ein durchgängiges Werk geschrieben wurde, sondern verschiedene Aufsätze aneinandergesetzt sind. Der Sinnzusammenhang der einzelnen Überschriften wird durch die Kapitelübersicht hergestellt. Insgesamt wurden 15 Aufsätze veröffentlicht, die von wesentlich mehr Autoren verfaßt wurden als Herausgeber erwähnt sind. Am Schluß wird eine biographische Übersicht zu den Autorinnen und Autoren gegeben, wobei wesentlich mehr Autorinnen zu Wort kommen als Autoren. Der Band ist reich bebildert in s/w. Entdeckt hatte ich das Buch auf dem Büchertisch im Schaulager Basel in der Schweiz neben zahlreichen anderen Bänden, die dort zum Verkauf angeboten werden.

Die Themen die behandelt werden, berühren ganz unterschiedliche Medienbereiche. Der Aufsatz von Kirsten Maar beispielsweise nimmt Musik und Tanz in einen Diskurs über Architektur auf. Sie versucht Raumkonzepte des Choreographen William Forsythe in die Architektur zu übertragen und meint Tanz sei eine Kunst der produktiven Verwirrung. Räume entstehen durch Bewegung. Forsythe hat eine Auffassung vom Tanz, der sich als lebendige Architektur versteht. Er benennt hierzu den ungarischen Tanzchoreographen Rudolf von Laban.

Interessant ist vielleicht die Körperumraum Vorstellung. Es gehe Forsythe nicht um einen geformten, sondern um einen dynamischen Raum. In diesem wird nicht nur ein irgendwie gearteter Raum, sondern explizit eine „Architektur“ geschaffen.

Im Ausblick liefert Kirsten Maar, die als Regieassistentin in Heidelberg, Frankfurt am Main und Berlin arbeitete, eine Idee, was mit den tänzerischen Bewegungen erreicht werden soll. Bewegte Imagination besteht darin, das Wissen von diesem Raum neu zu organisieren. Doch was bringt der Tanz im Unterschied zum normalen durch die Stadt gehen, außer einer ekstatischen Aufladung? Die Autorin beschreibt das „benjaminsche Flanieren“, ein Rückgriff auf literarische Elemente und nicht Realität. Vertikalität und Horizontalität bleiben weiterhin bestehen in einer tänzerischen Auffassung von Architektur. Kirsten Maar fordert das Modell der Zentralperspektive vehement zu hinterfragen. Sie räumt ein, daß eine Architektur aus Tanz nicht unmittelbar zu Resultaten führt, aber der Prozess des Entwerfens stark beeinflußt wird.

Im gleichen Kontext unter der Kapitelüberschrift Raum und Metapher ist der Beitrag von Elisabeth Lack zu verstehen, der sich mit dem Schriftsteller Franz Kafka befaßt: „Zur metaphorischen Organisation des Raumes. Kafka und der Kreis“. Die Autorin nimmt sich der Sprachwissenschaften und der kognitiven Linguistik an. Die kognitive Linguistik setzt sich seit Jahren mit dem Thema „Raum“ auseinander. Danach ist dieser eine Kategorie für die menschliche Sprachfindung. George Lakoff und Mark Johnson, auf die sich die Autorin bezieht, haben grundlegende Bedeutung in ihrem Aufsatz. Die beiden amerikanischen Autoren gehen davon aus, daß menschliche Körperbewegungen durch den Raum und die interaktive Wahrnehmung zu einer Einbeziehung in die Sprache führen.

Lakoff und Johnson gehen davon aus, daß der Mensch und seine Erfahrungen zu Bildern verarbeitet werden, mit welchen dann auch abstrakte Erfahrungen verarbeitet werden. Im übrigen sind solche Übertragungen auch in die Literatur möglich, wenn Raum zur kontinuierlichen Erzählhandlung wird. Das kann mitunter leerer Raum oder Niemandsland sein. Elisabeth Lack nimmt sich den Kreis, den Kafka aus der Fläche herausschneidet, um daraus eine Plattform für seine Erzählung zu machen.

Augmented Reality. Ein neues Reich der Sichtbarkeit von Jörn Schafaff beschreibt neue Technologien, die das Ziel haben sollen, digitale Informationen in das Gesichtsfeld des Betrachters zu übertragen. Dahinter steht die Absicht, die jeweils aktuelle Umgebung auf die Situation bezogen mit Daten anzureichern. Ein Gebäude wäre mit Informationen aufgefüllt zur Architektur, zu den historischen Hintergründen oder den Bewohnern und der Ansiedlung bestimmter Firmen und Einrichtungen. Der Begriff Augmented Reality (AR) geht auf John Raichmans „Foucaults Kunst des Sehens“ zurück, in: Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit, Köln 2000, herausgegeben von Tom Holert.

Stellt sich die Frage, inwieweit hier ein redundantes Verfahren aufgebaut wird? Denn Individuum und gesunder Menschenverstand findeen sich auch ohne Hilfsmittel zurecht. Dies sollte man zumindest beherrschen. Hier werden künstliche Welten entwickelt, ohne sie wirklich kritisch zu hinterfragen. Es geht um Erleichterungen und Serviceleistungen, die meiner Meinung nach nur zur Kommerzialisierung anstiften. Ich sehe hier vor allem im militärischen Bereich die Nutznießer solcher Technologien. Aber auch Touristen können profitieren.

Ein weiterer Aufsatz von Christin Kempf, einer der Herausgeberinnen des Bandes, befaßt sich mit Architekturlandschaft vor allem in den Industrieländern. Visionen der Leere – Neue Strategien für zweckbefreite Architektur. Sie unternimmt damit den Versuch den Leerstand zu bekämpfen. Ein Phänomen, das mit dem Problem schrumpfender Städte einhergeht.

Doch statt, daß sie das Problem direkt angeht, gelangt sie erst über scheinbare Sprachspiele zum Thema. Zuerst erkennt sie das Phänomen, was an sich schon eine denkwürdige Angelegenheit ist, dann jedoch beschließt sie, das Phänomen wieder zu bekämpfen. Das Phänomen Leerstand durch schrumpfende Städte ist also gar kein Phänomen mehr. Die nächste Überschrift lautet: Die Nutzlosigkeit der Funktion. Das ist ein Widerspruch, weshalb sollte denn Funktion nutzlos sein? Funktion auf ihren Gebrauchswert hin zu überprüfen, ist meiner Meinung selbstverständlich. Schließlich bietet sie drei Strategieformen: zur Raumvernichtung, zur Raumverdichtung – auch hier liegt durch die Ähnlichkeit der Worte, Vernichtung und Verdichtung, eine sprachliche Verspieltheit nahe, die rationelles Denken nicht gerade fördert. Zum dritten erwähnt sie Strategien der Raum(ver)wendung, in Klammern gesetzt.

Beim ersten fordert sie Krisenmanagement, um Stadtteile vor der Entvölkerung zu retten. Sie schlägt künstlerische Projekte vor, um ein Gelände mit Masse aufzufüllen, statt abzureißen. Raumverdichtung erzeugt sie durch Neustrukturierung und Teilkomprimierung und nennt bauphysikalische Gründe für die Umnutzung. Zur Raumverwendung nennt sie das Beispiel der Detroiter Bankgebäude aus der Jahrhundertwende um 1900 als Projekt der Umnutzung.

Sie nimmt sich die künstlerische Freiheit, wiederlegen mit „ie“ zu schreiben. Das ist beeindruckend! Das gefällt mir. Gehört auch nicht zur Neuen Deutsche Rechtschreibung. Richtig ist widerlegen. Doch Vorsicht das Woxikon im Internet unterscheidet wohlweißlich zwischen wieder- und widerlegen. Das erste bedeutet falsifizieren und als falsch bestätigen. Das zweite dagegen bedeutet entwaffnen und entkräften.

Inhaltlich geht es um die Kluft zwischen architektonischem Objekt und Stadt. Der Leerstand muß auf irgendeinem Wege besiegt werden. Rolf E.Maass
Der Band teilt sich in folgende Kapitel

Die Stadt als Vorstellung
Laura Bieger und Annika Reich – Venedig als Vorstellung – von Italien bis Las Vegas.
Irene Nierhaus – Statt/Stadt – Zur Medialität von Stadt, Raum und Bild
Stefanie Hennecke – Der Pariser Platz in Berlin: Wie „bürgerlich“ ist der öffentliche Raum?
Annette Geiger – Virus-Metaphern in der Postmoderne. Das eingebildete Kranke als Gestaltungsprinzip

Entwerfen als imaginärer Diskurs
Gernot Weckherlin – Die Angst des Architekten vor dem leeren Blatt: Architekturhandbücher als Medien im künstlerischen Prozess
Christin Kempf – Visionen für die Leere – Neue Strategien für zweckfreie Architektur
Petra Eisele – Design goes digital. Zum Verhältnis von Idee und Form, Realität und Virtualität
Jörn Schafaff – Augmented Reality – Ein neues Reich der Sichtbarkeit

Fikitonale Orte
Susanne König – Zwischen Realität und Fiktion: Das Musée d’Art Moderne, Départment des Aigles von Marcel Broodthaers
Annette Gentz – Die Anatomie des Krisenraumes
Karsten Wittke – Space Habitate und Big Dumb Objects – Architekturphantasien im Science Fiction-Roman Schismatrix von Bruce Sterling
Raum und Metapher
Kirsten Maar – Korrespondenzen zwischen Tanz und Architektur: Imaginäre und improvisatorische Raumkonzepte bei William Forsythe
Elisabeth Lack – Kafka und der Kreis. Zur metaphorischen Organisation des Raumes
Toni Bernhart – „Reine Schöpfung der menschlichen Phantasie“ – Überlegungen anhand der Theorie des Raums

Kurzbiographien und Abbildungsnachweise finden sich am Ende des Bandes.

 

 
Last modified on Sonntag, 14 Januar 2018 19:35
Click me